Ein mutiger Sprung

Der TV Altenkunstadt geht neue Wege und bietet ab sofort einen Einsteiger-Kurs im „Parkour“ an.

Parkour. Die zufällig anwesenden Eltern schauen zunächst etwas skeptisch drein: Warum klettert der junge Mann da über die Brüstung der Zuschauertribüne? Will der etwa von hier oben bis da unten auf den Hallenboden springen? Die besorgten Gesichtszüge entspannen sich, als sie sehen, wie athletisch, geschmeidig und unaufgeregt der junge Mann das scheinbare Hindernis überwindet. Die Auflösung der Szenerie folgt prompt: „Das ist doch der Luca!“

Der 16jährige Luca Gruber kommt zwar aus Mainleus, aber hier beim TV Altenkunstadt ist er bereits kein Unbekannter mehr. Der Kulmbacher Gymnasiast ist zu Gast in der Kordigasthalle, um einen kleinen Einblick in das zu gewähren, was er ab dem 17. September jede Woche für Kinder und Jugendliche anbieten will: einen Einsteiger-Kurs im Parkour. Dabei geht es – kurz gesagt – um die möglichst effektive und sichere Überwindung eines Hindernisses. Was zunächst vielleicht etwas banal klingt, ist bei der Jugend von heute längst ein angesagter Trend. Die Anhänger von Parkour sprechen von einer „Kunstform“ der Fortbewegung und berufen sich auf eine ganz eigene Philosophie.

Luca will nun diese Bewegungskunst in Altenkunstadt bekannt machen. Dabei leistet er auch einen ganz wichtigen Beitrag für die Arbeit und die Zukunft des Altenkunstadter Turnvereins. Davon ist nicht nur Übungsleiterin Kathrin Krebs überzeugt. Seit jeher ist die 36jährige Altenkunstadterin ihrem TVA treu verbunden. Seit geraumer Zeit beobachtete sie aber einen Trend, der wohl stellvertretend für die meisten Turnvereine in der Region stehen dürfte. „Wir haben schon immer großen Zulauf beim Kinderturnen, von denen einige wenige beim Leistungsturnen weitermachen. Was uns aber fehlt, ist ein zeitgemäßes Angebot, das sich vor allem an Kinder nach der Grundschulzeit und im Teenager-Alter richtet.“ Und genau jene Lücke sollen Luca und Parkour schließen. Während seiner kurzen Vorführung unterbrechen die ebenfalls in der Halle anwesenden Kinder ihre Übungen an Kasten und Bodenmatte schon einmal auffallend oft. Luca zieht die Blicke auf sich.

Das Charmante an der Idee einer Kooperation zwischen modernem Parkour und dem klassischen Geräteturnen ist es, dass Kasten, Matte oder Barren nicht im Hinterzimmer der Kordigasthalle verschwinden müssen. Sie werden lediglich umfunktioniert, dienen nun als Hindernis, das man zwar weiterhin überwinden muss, aber eben auf eine individuelle und möglichst kreative Art und Weise. Das macht einen Großteil der Parkour-Philosophie aus, die eigentlich eng mit dem urbanen Raum verbunden ist. Hier dienen Mauern, Treppengeländer und Wände als mögliche Hindernisse. Doch egal ob Großstadt oder Kordigasthalle: „Es geht immer um möglichst flüssige und effiziente Bewegungen und um Selbsteinschätzung und Kontrolle. Mutproben oder gar waghalsige Stunts haben mit Parkour nichts zu tun“, stellt Luca klar und betont: „Den effizienteste Weg von A nach B zu finden, erfordert Koordination, Selbsteinschätzung und einen natürlichen Bewegungsablauf. All das braucht viel Training.“

Dabei hat Luca selbst die klassische Turner-Laufbahn hinter sich. Beim Kinderturnen und im Trampolin-Training in Kulmbach fand er den Spaß an der Bewegung. Als 12-Jähriger wollte aber auch er etwas Neues ausprobieren. Schnell wurde er auf Parkour aufmerksam – und es hat ihn seit vier Jahren nicht mehr losgelassen. Alles, was er kann, hat er sich selbst beigebracht. Inspiration erhielt auch Luca über das Internet. Hier lässt sich auch die Faszination dieser Trendsportart finden: „Beim Parkour bist du eigentlich ein Einzelkämpfer. Du allein suchst deinen Weg über das Hindernis. Aber das Internet bietet dann die Möglichkeit, deine Leistung für alle erfahrbar zu machen“, erläutert der Mainleuser und spricht in diesem Zusammenhang von der ‚Parkour-Community’ im Netz. ‚YouTube’ oder ‚Instagram’ dienen als Mittel zur Vernetzung, wenn Videos und eindrucksvolle Fotos mit anderen Anhängern des Parkour auch über Ländergrenzen hinweg geteilt werden. Der individuellen Kreativität mit modernen Medien eine Plattform bieten – welcher Jugendliche sucht nicht nach einer solchen Möglichkeit – auch oder gerade beim Sport?

Das weiß auch Kathrin Krebs. Als Sportlehrerin am Caspar-Vischer-Gymnasium in Kulmbach kennt sie den schweren Stand, den das klassische Geräteturnen bei vielen Jugendlichen hat. „Den Schülern fehlt heutzutage beispielsweise schon die Stützkraft, um mit diesen Sportgeräten umzugehen. Die Verletzungsgefahr ist immer präsent“, so die zweifache Mutter. Umso größer war der Aha-Effekt, als Luca im vergangenen Schuljahr in Kathrin Krebs Sportunterricht eine Parkour-Kostprobe gab. Sie erkannte sofort die Chance, die sich auch für „ihren“ TVA ergeben könnte. Lucas Sprünge vom Kasten hinab auf die mehrere Meter entfernet Matte bestätigen diese Einschätzung. Luca gleitet förmlich durch die Luft. Und bei der koordinierten Landung wird jeder Skispringer neidisch: kein Wackeln und kein Zittern, sondern ein ganz natürlicher und fast ästhetischer Bewegungsablauf.

„Diese flüssigen Bewegungsabläufe und die dabei gezeigten koordinativen Fähigkeiten dieser Sportart begeistern mich. So kann Geräteturnen im 21. Jahrhundert aussehen“, so Kathrin Krebs.

Der von Luca Gruber geleitete Kurs findet ab Donnerstag, den 17. September, zwischen 18 und 19 Uhr in der Altenkunstadter Kordigasthalle statt. Der Kurs erstreckt sich über 10 Wochen. Die Teilnahmegebühr für Vereinsmitglieder beträgt 30 Euro, für alle anderen Interessierten 45 Euro. Anmeldungen hierzu nimmt Kathrin Krebs entgegen.